Loader
x

Von der Hölle auf Erden zum himmlischen Frieden

Dieser Artikel erschien am 17.9. 2012 in Religion ORF.at, verfasst von Martin Steinmüller.

Am 15. September wird der Religionsgründer Sun Myung Moon beerdigt. In den 70er Jahren war er vielleicht der bekannteste Koreaner der Welt. Über seine Religionsgemeinschaft ist in Österreich nur wenig bekannt.

Seit Tagen herrscht im südkoreanischen Cheongpyeong Ausnahmezustand. Tausende Anhänger von Sun Myung Moon, Gründer der Vereinigungsbewegung, sind gekommen, um sich von ihrem „wahren Vater der Menschheit“ zu verabschieden. Viele der Frauen und Männer haben Rosen und Lilien mitgebracht – die Lieblingsblumen des Religionsgründers. Es wurde eigens ein Altar errichtet, der mit jeder weiteren Blume ein bisschen tiefer in einem Meer aus Blüten versinkt. Sun Myung Moon starb am 3. September im Alter von 92 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung. Am 15. September wird er in Cheongpyeong beerdigt.

Eine Bewegung – viele Initiativen

In Österreich kennt man die von Sun Myung Moon gegründete Religionsgemeinschaft vor allem unter der abschätzigen Bezeichnung „Moon-Sekte“. In Texten, die den Begriff Sekte ganz bewusst nicht verwenden möchten, wird oft von der Vereinigungskirche gesprochen. Das mag zwar weniger abwertend sein, völlig korrekt ist es jedoch nicht, sagt Lukas Pokorny, der zurzeit als Dozent für Ostasiatische Religionen an der Universität von Aberdeen lehrt, im Gespräch mit religion.ORF.at. Besser sei die Bezeichnung Vereinigungsbewegung, die alle mit der Kirche verbundenen Kampagnen und Unternehmungen miteinschließt.

Der eigentliche „kirchliche Kern“ heißt seit 1994 “Familienföderation für Weltfrieden und Vereinigung”. 297 Österreicher haben diese bei der letzten Volkszählung im Jahr 2001 bei der Frage nach ihrem religiösen Bekenntnis angegeben. Weltweit sollen es laut Angaben der Religionsgemeinschaft drei Millionen Mitglieder sein.

Eine Hochzeit für Tausende

Die Trauernden, die in den letzten Tagen den Weg zum Hauptsitz der Gemeinschaft nach Cheongpyeong auf sich nahmen, waren ganz in Schwarz und Weiß gekleidet – Farben, die an die Massenhochzeiten denken lassen, mit denen man die Vereinigungsbewegung in Europa zumeist in Verbindung bringt. Weniger bekannt ist vermutlich, warum Reverend Sun Myung Moon, zuletzt auch über Satellit, Tausenden von Paaren seinen Segen gab. Dabei kommt in den Trauungen eine der zentralen Botschaften der Vereinigungslehre zum Ausdruck.

Ostasien-Experte

Lukas Pokorny hat in Wien Religionswissenschaft, Philosophie, Geschichte und Koreanologie studiert. Zudem brachten in Studien- und Forschungsaufenthalte nach Japan, China, Südkorea und Vietnam.

Zurzeit lehrt er als Dozent für Ostasiatische Religionen an der Universität von Aberdeen, Großbritannien. In seinen aktuellen Forschungen beschäftigt sich Pokorny insbesondere mit neuen religiösen Bewegungen in Ostasien.

„Im Zentrum der Lehre steht die Interpretation des biblischen Sündenfalls“, sagt Lukas Pokorny. Die biblische Erzählung wurde von Sun Myung Moon allerdings neu gedeutet. Durch einen „geistigen“ und einen „physischen Sündenfall“ habe der Mensch im Paradies es verabsäumt das „Vier-Positionen-Fundament“ zu realisieren. Dieses basiert auf der Verbindung von Ehemann, Ehefrau und Nachwuchs, die sich durch Harmonie und Liebe in Gott vereinigen, erklärt Pokorny. Zur Wiederherstellung dieses geradezu seligen Zustandes bedürfe der Mensch nun einer spirituellen und einer physischen Erlösung.

Moon als Erlösungsbringer

An dieser Stelle kommt Sun Myung Moon ins Spiel. Denn während Jesus zwar die geistige Erlösung gebracht hätte, blieb er nach Moon die physische durch seinen vorzeitigen Tod am Kreuz schuldig. Jesus konnte keine „sündenfreie, ideale Familie“ gründen.

Erst Sun Myung Moon, der 1920 im heutigen Nordkorea geboren wurde, legte dazu die Weichen, als er mit seiner Frau Han Hak-cha die „Hochzeit des Lammes“ vollzog. Die beiden konnten so zu den „wahren Eltern der Menschheit“ werden. Den Auftrag dazu soll 1935 dem damals gerade 15 Jahre alten Moon Jesus Christus selbst in einer Vision erteilt haben.

Solch eine Aufgabe mag schwer wiegen. Auch Sun Myung Moon, der ab 1992 im öffentlichen Raum seine Messianität verkündete, brauchte gewissermaßen zwei Anläufe. Han Hak-cha war Moons zweite Frau. Seine erste Ehe wurde 1957 geschieden: Angeblich auf Verlangen seiner damaligen Frau, weil diese Moon auf seiner Mission nicht unterstützen konnte. Die Ehe als Keimzelle der Familie spiele somit innerhalb der Vereinigungsbewegung die zentrale Rolle, sie werde aber nicht als unauflöslich gedacht, sagt Pokorny.

Mediale Vorurteile

Eine unauflösliche Verbindung zu ihren Mitgliedern, das unterstellten die Medien der Vereinigungsbewegung allerdings häufig als deren eigentliches Ziel. Von Gehirnwäsche war die Rede und dass, wer einmal in die “Fänge der Sekte” gerate, nicht mehr von ihr los komme. Vorwürfe, die für Pokorny deutlich an der Realität vorbeigehen. Er verweist auf eine Studie der britischen Soziologin Eileen Barker aus dem Jahr 1984, die jene Anschuldigungen als unbegründet nachweist.

Gerade in Österreich und Deutschland erfuhren Moon und seine Religionsgemeinschaft dennoch eine vorwiegend negative Berichterstattung. Für den Religionswissenschafter wurzelt dies darin, dass die Heilsbotschaft Moons, die „aufgrund der religiösen Demographie nolens volens vor allem in christlichen Zirkeln“ verbreitet wurde, „von theologischer Seite bereits in den 60er und 70er Jahren als mitunter gefährliche Heterodoxie gebrandmarkt wurde.“

Firmenimperium für den Weltfrieden

Abseits dieser schwierigen Beziehung zwischen europäischer Presse und Sun Myung Moon wusste der Religionsgründer die mediale Klaviatur durchaus selbst zu bedienen. Zu den zahlreichen Firmen der Vereinigungsbewegung – Lukas Pokorny spricht von einem „Multi-Milliarden-Dollar-Konglomerat“ – gehören neben Unternehmen wie einer Pharmafirma und einem Autohersteller, der insbesondere den nordkoreanischen Markt bedient, auch mehrere Zeitungen – eine davon die 1982 gegründete „Washington Times“. Nach Moons Selbstverständnis dienten die wirtschaftlichen Unternehmungen laut Pokorny jedoch alle einem gemeinsamen Ziel – die Schaffung eines himmlischen Königreichs auf Erden.

Der größte Gegner dieses Projekts Weltfrieden war für Moon bis zum Ende des Kalten Krieges der Kommunismus. Der Religionsgründer saß in den späten 40er Jahren selbst 34 Monate in einem nordkoreanischen Arbeitslager ein. Die Teilung Koreas stand für ihn symbolisch für die Zersplitterung der Welt, die er als „Hölle auf Erden“ bezeichnete.

Es mag als logische Konsequenz erscheinen, dass er neben seiner Unterstützung – vor allem US-amerikanischer – konservativer Politiker große Hoffnungen in das Projekt der Vereinten Nationen setzte. „Die UNO ist das Steckenpferd der Vereinigungsbewegung“, sagt Pokorny. Allerdings hätte Sun Myung Moon ab 2000 betont und vermehrt Kritik an den Vereinten Nationen geübt und einen Erneuerungsprozess gefordert. Dies führte schließlich zur Gründung eines eigenen Netzwerks – Moon sprach von der „Abel-UN“ – mit der „Föderation für Weltfrieden“ an der Spitze.

Religiöse und gesellschaftliche Ansprüche

In zahlreichen Kongressen und Workshops versucht die Vereinigungsbewegung seither weltweit den interreligiösen und friedensstiftenden Dialog voranzutreiben. Auch im Wiener Zentrum in der Seidengasse finden viele solche Veranstaltungen statt. An der Basis sehe man dies aber nicht uneingeschränkt positiv und wünsche sich ein Mehr an religiöser Rückbesinnung, sagt Pokorny.

Unterstützung für ein solches Anliegen könnte von Sun Myung Moons jüngstem Sohn und „Nachfolger“ Hyung Jin Moon kommen. 2008 wurde er von seinem Vater zum internationalen Präsidenten der FWV ernannt. Laut Pokorny konzentriere sich Hyung Jin in seinem Wirken wieder vermehrt auf die religiöse Dimension und stelle die politischen Initiativen seines Vaters hinten an.

Große Fußstapfen

Inwieweit Hyung Jin seiner Rolle als religiöser Führer nach dem Tod seines Vaters gerecht werden wird, werden die nächsten Monate und Jahre zeigen. Auf Unterstützung in seinen Aufgaben kann er durch seine Mutter zählen, die seit den 90er Jahren eine immer wesentlichere Rolle innerhalb der Bewegung eingenommen hat. Aber nach Ansicht der Gemeinschaft, könnte sich auch sein verstorbener Vater „aus der geistigen Welt“ an den Geschicken der Bewegung beteiligen, so Pokorny.

Martin Steinmüller, religion.orf.at

Links:

Tags

0 Kommentare zu “Von der Hölle auf Erden zum himmlischen Frieden”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Aktuelle Veranstaltungen

Partner