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Vom Himmel hoch, da komm ich her…

„Vom Himmel hoch, da komm ich her …, dieses Lied, das wahrscheinlich alle Christen im deutschen Sprachraum kennen, hat Martin Luther 1535 für die Weihnachtsbescherung seiner eigenen Kinder gedichtet und dazu zunächst eine bereits bekannte Melodie eines Spielmannliedes verwendet. Erst einige Jahre später komponierte er den uns allen bekannten Choral dazu.

In 15 Strophen bringt Martin Luther den Zuhörern die Geburt Jesu in kindlicher Weise, die Ankündigung dieses außerordentlichen Ereignisses durch einen Engel an die Hirten und die Erlösertat Christi nahe.

Alle Welt feiert Weihnachten, nicht nur die Christen. Auch in vornehmlich muslimischen Ländern, wie der Türkei und vor allem in Istanbul, leuchten die Lichter, werden Geschenke gemacht. Doch immer weniger Menschen – selbst in unseren Breiten – denken daran, dass dieses Fest der Erinnerung an die Geburt eines ganz speziellen Menschen galt und gilt, eines Menschen, der kein Buch geschrieben, kein Lied, geschweige denn eine Symphonie komponiert, keine Schlacht geschlagen oder gewonnen hat, keine Erfindung der Menschheit hinterlassen, keine Bild gemalt, kein Bauwerk errichtet, keinen Weltcup gewonnen und Amerika nicht entdeckt hat – und doch hat er die Welt, die Geschichte, das ganz persönliche Leben unzähliger Menschen nachhaltiger beeinflusst, als jemals ein Mensch davor und bislang danach.

Immer, wenn ein Mensch geboren wird, weckt das in uns die freudige Hoffnung, dass die Schöpfung noch nicht zum Stillstand gekommen ist, das Leben weitergeht, dass von jetzt an alles besser, ja vielleicht ganz gut wird. Wenn so ein Mensch oder überhaupt wir alle das Licht der Welt erblicken, dann liegt unser Werdegang nicht sofort klar auf der Hand. Niemand weiß, welches Erbe wir mitbekommen haben, welche Talente in uns schlummern, wie wir uns entwickeln, welchen Einfluss wir auf die Menschheit nehmen und wie wir unser Leben beenden werden.

Im Falle von Jesus von Nazareth war in der geistigen Welt offenkundig, was in der greifbaren und sichtbaren Welt noch völlig im Dunkel lag. Ja dieses Ereignis lag jenseits aller Vorstellungskraft, sodass es für die geistige Welt nicht sehr einfach war, sich in dieser Hinsicht Gehör zu verschaffen. Wem konnte sie diese Botschaft übermitteln?

Wer nicht anklopft, dem wird nicht aufgemacht, wer sein Handy nicht einschaltet, kann keinen Anruf entgegennehmen, wer nicht fragt, erhält keine Antwort. Was hilft es, wenn jemand hoch vom Himmel kommt, aber niemand hinaufblickt und keiner etwas wissen will?

Erst das geistige Vakuum, der spirituelle Unterdruck, die allgemeine Notlage, der lang anhaltende Schmerz, das Darben, das Unglück, all das lässt uns Menschen offen werden für die Rettung, für das Neue, das Kommende, das Heil. Menschen, die nichts anderes zu verlieren haben als sich selbst, sind bereit, die helfende Hand zu ergreifen.

Warum warten wir überhaupt? Fehlt uns etwas? Oder gibt es etwas, das uns jemand anderer als wir selbst uns bringen und geben muss?

Der 1984 in Salzburg verstorbene Kunsthistoriker Hans Sedlmayr spricht in seinem 1948 erschienenen und viel beachteten Buch „Verlust der Mitte“ von einem Verlust des rechten Maßes, der Menschlichkeit. Der moderne, „autonome“ Mensch habe allem gegenüber eine Störung. Er habe ein gestörtes Verhältnis zu Gott, da er in seiner Kunst nicht mehr ihm diene; zu sich selbst, da er sich mit Misstrauen, Angst und Verzweiflung betrachte; zu seinen Mitmenschen, da der Mensch in der Kunst auf das Niveau der übrigen sichtbaren Dinge herabgedrückt werde; und zur Natur, da er sich nicht mehr als Krone der Schöpfung über sie erhebt, sondern sich mit ihr solidarisch erklärt. Und vor allem fehle dem Menschen der Vater im Ur- und Vollsinn des Wortes.

Wenn wir diesen Gedanken weiter verfolgen, dann müssen wir sagen, dass ihm auch die Mutter fehlt; denn ein Vater ohne Mutter ist nicht denkbar. Demnach muss der Herr der Herrlichkeit Eltern sein, wahre, authentische Eltern, Eltern, die ihr Ohr und Herz für Gott öffnen und zulassen, dass Seine Liebe durch sie hindurch auf die ganze Familie, auf alle ihre Kinder, auf die ganze Welt, den gesamten Kosmos strömt.

Diese Eltern gründen keine neue Religion, keinen Club, keine Interessengemeinschaft, keine Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Eltern gründen eine Familie, eine Familie in dieser Welt, eine Weltfamilie. In ihr erfahren und lernen die Kinder alle Arten der Liebe. So haben wir die Chance, selbst zu wahren, zu authentischen Eltern zu werden, zu Königinnen und Königen, die sich selbst und das Territorium ihres Lebens im besten Sinne des Wortes beherrschen. In diesen Eltern, die Gott zu einem Segen gemacht hat, sind alle Völker der Erde gesegnet.

Die Botschaft des Himmels, die der Engel brachte, war nicht ausschließlich für jene bestimmt, die einen IQ von über 150 aufweisen konnten. Derartige Qualifikationen spielten und spielen keine Rolle. Es ging einfach um ein offenes Herz, um Sehnsucht, um Hoffnung.

Ich möchte vier Menschengruppen herausgreifen, die auf unterschiedliche Art und Weise, doch in jedem Fall für sie verständlich, von diesem epochemachenden Ereignis erfahren sollten.

Da werden zunächst die Hirten erwähnt. Sie sind einfache Menschen ohne oder mit geringer Bildung. Sie kannten aber das Leben mit all seinen Härten und auch schönen Seiten. Sie waren eingebettet in ihr Volk, ihre Kultur und Religion; daher wussten sie, dass einmal ein Retter kommen sollte, der sie aus dieser misslichen Lage, in der sich ihr Volk seit Generationen befand, herausführen würde. Wie, wo und wann, das war ihnen nicht geläufig. Aber sie warteten.

Und plötzlich steht eine Lichtgestalt vor ihnen, ein Engel. Psychiater ordnen derartige Erlebnisse dem Bereich der Geisteskrankheiten zu. Aber das war keine Halluzination, die ein einzelner Psychopath hatte. Eine Hand voll Hirten können nicht alle gleichzeitig eine Fehlschaltung im Gehirn haben und ein und derselben Täuschung zum Opfer fallen. Diese Männer, die mit beiden Beinen im Leben standen, staunten nicht schlecht, und sie fürchteten sich.

Martin Luther formulierte die Botschaft des Gottesboten so:

 

 Vom Himmel hoch, da komm ich her, ich bring‘ euch gute neue Mär,

Der guten Mär bring ich so viel, davon ich singen und sagen will.

 

Euch ist ein Kindlein heut‘ geborn, von einer Jungfrau auserkorn,

Ein Kindelein, so zart und fein, das soll eu’r Freud und Wonne sein.

 

Es ist der Herr Christ, unser Gott , der will euch führn aus aller Not,

Er will eu’r Heiland selber sein, von allen Sünden machen rein.

 

Er bringt euch alle Seligkeit, die Gott der Vater hat bereit,

Dass ihr mit uns im Himmelreich sollt leben nun und ewiglich. (1)

Damals, vor 2000 Jahren, hätte niemand so schreiben und singen können. Derartiges war erst nach Jahrhunderten theologischer Entwicklung und Verniedlichung möglich. Bei Lukas schildert der Engel einfach Fakten, gibt Hinweise. Luther nennt den Bericht des Engels eine neue Mär, ein Märchen. Wenn wir das Wort Märchen hören, dann denken wir: Aha, das stimmt alles nicht, das hat sich gar nicht, oder wenigstens nicht so zugetragen. Doch die Völker des Ostens haben ein anderes Geschichtsbewusstsein. Für sie stellt sich die Frage, welche Bedeutung dieses Ereignis für sie und uns, für die Menschen im Allgemeinen haben könnte.

Die Männer in dieser Erzählung gehen der Sache nach. Sie glauben nicht blind. Aber sie zweifeln auch nicht blind. Sie bilden sich selbst ein Urteil. Sie wollen wissen, ob sie ihren Augen und Ohren trauen können. – Und tatsächlich: Sie finden alles so vor, wie der Engel, der vom Himmel hoch gekommen war, es ihnen gesagt hatte.

Eine zweite Gruppe besteht aus Naturforschern, aus Wissenschaftlern, aus Gelehrten und Weisen. Sie erkunden die Zusammenhänge im Kosmos und in der Welt, den Einfluss der Gestirne auf den Gang unseres Lebens. Auch für sie kommt der Hinweis, dass da ein für Himmel und Erde bedeutender Mensch das Licht der Welt erblickt hat. Das sagen ihnen die Sterne, das ergibt sich aus ihrem langjährigen Suchen, aus ihrem intensiven Studium. Aber sie haben das nicht in einem wissenschaftlichen Journal gelesen oder im Hörsaal einer Universität von einem Professor gehört. Es war die Gnade des Findens, denn sie hatten sich auf die Suche gemacht. Sie erkundeten die universellen Zusammenhänge und Wirkung der kosmischen Ordnung auf unser menschliches Leben und entdeckten immer neue Aspekte – eben auch diesen einen: dass in Judäa ein großer König geboren worden ist.

Auch sie begnügten sich nicht mit der Tatsache ihrer Erkenntnis, wiewohl ihnen die Botschaft der Sterne als  zuverlässig galt. Sie wollten diesem großen König einfach begegnen; ihn zu sehen galt ihnen als Gnade, als Geschenk.

Auf dem Weg zu ihrem Ziel gelangten sie zu einem Vertreter einer weiteren Gruppe: zum Politiker, Machthaber, Herrscher. Wer einmal die Zügel der Macht fest in Händen hält, der lässt sie so schnell nicht wieder los. Und als die Frage der ausländischen vornehmen Herren an das Ohr des Herodes dringt, wo denn der neugeborene König der Juden sei, erschrickt er und ganz Jerusalem mit ihm. Denn schon einmal hatten die Juden unter König Herodes einen Machtkampf erlebt, der vielen das Leben gekostet hatte. Das wollten sie nicht noch einmal durchstehen. Und Herodes selbst hatte überhaupt kein Interesse, seinen Thron einem anderen zu überlassen; er würde seine Position mit allen Mittel verteidigen. Wer einmal von der Macht gekostet hat, der weiß wie gut sie schmeckt.

Und dieser neue König sollte ausgerechnet hier in Jerusalem auf die Welt gekommen sein? Schlimm, sehr schlimm – falls es stimmt. Wieso wissen das diese Ausländer, aber er, der König weiß nichts? Politiker haben in der Regel wenig bis gar keine Fachkenntnis. Sie benötigen ihre Berater. So auch in diesem Fall. Und er holt sich seine Berater, die Schriftkundigen.

Und damit wären wir bei der vierten Gruppe von Menschen, die einen Hinweis erhalten, dass der neue König der Juden, der lang ersehnte Messias zur Welt gekommen ist: das sind die Theologen. Sie schlagen in ihren Büchern nach, in der Thora, bei den Propheten, im Talmud – und sie werden fündig. Jetzt haben sie es schwarz auf weiß, nun wissen sie es – und das genügt ihnen.

„Wo war mehr Weisheit“ fragte einst der dänische Religionsphilosoph Sören Kirkegaard, „bei den Heiligen drei Königen, die einem Gerücht nachliefen, oder bei den Schriftgelehrten, die mit ihrem Wissen ganz ruhig sitzen blieben?“

Also die Schriftgelehrten gingen nicht hin, um sich mit eigenen Augen zu überzeugen, sich selbst ein gerechtes Urteil zu bilden, wie es ihnen einige Jahre später Jesus vorhalten wird.

Wir haben es also mit vier gesellschaftlichen Typen zu tun: Mit dem Arbeiter- und Bauernstand, mit den Gelehrten und Wissenschaftlern, den Machthabern und Politikern und schließlich den Theologen.

Aber mir ist noch ein Faktum aufgefallen, der die ersten beiden Gruppen von den Politikern und Theologen unterscheidet: Die Hirten und Gelehrten hatten ein unmittelbares geistiges, spirituelles Erlebnis, das sich ihnen ins Herz gebrannt hatte und dem sie – koste es was es wolle – nachgehen mussten. Wären sie damit zunächst zu den Pharisäern gegangen, zum Pfarrer, zu ihren Eltern, zu den Nachbarn, dann hätten diese ihnen wahrscheinlich den Unsinn ausgeredet. Denn diese Anderen redeten nach, was ihnen von Beratern oder durch Schriften vorgesagt worden war. Aber um lebendig zu werden und geistig-spirituell gesund zu sein und selbst erwachsen zu werden, müssen wir über das Erbe unserer Vorfahren hinaus gelangen und unsere eigene „Religion“, unsere ganz persönliche, einzigartige, unverwechselbare Beziehung zu unserem Ursprung, zu Gott entwickeln. Sie muss geschmiedet sein durch das Feuer unserer Fragen und Zweifel im Schmelztiegel unserer eigenen Erfahrung der Wirklichkeit des Lebens. Wer nach Gott, dem Sinn und Zweck unseres Daseins fragt, bekommt nur eine Antwort, wenn er bereit ist, diese Antwort zu einem integrierenden Bestandteil seines Lebens werden zu lassen, sein Leben danach neu auszurichten.

Der amerikanische Theologe Alan Jones schreibt in diesem Zusammenhang:

„Eines unserer Probleme besteht darin, dass nur wenige von uns ein erkennbar persönliches Leben entwickelt haben. Alles an uns scheint aus zweiter Hand zu stammen, sogar unsere Gefühle. In vielen Fällen müssen wir uns auf  Informationen aus zweiter Hand verlassen, um funktionieren zu können. Ich akzeptiere das Wort eines Arztes, eines Wissenschaftlers, eines Bauern, indem ich ihm einfach glaube. Das gefällt mir nicht, aber ich muss es tun, weil sie wesentliche Kenntnisse vom Leben besitzen, die ich nicht habe. Mit Informationen aus zweiter Hand, die den Zustand meiner Nieren, die Auswirkungen von Cholesterin und die Aufzucht von Küken betreffen, kann ich leben. Wenn es sich jedoch um Fragen dreht wie Sinn, Zweck und Tod, dann reicht Information aus zweiter Hand nicht aus. Ich kann nicht mit einem Glauben aus zweiter Hand an einen Gott aus zweiter Hand überleben. Wenn ich lebendig werden soll, muss ein persönliches Wort da sein, eine einzigartige Konfrontation.“[2]

Wann können wir sagen, dass wir etwas wissen? Wenn wir es in einem Buch gelesen, im Fernsehen mitbekommen, vom Nachbar gehört haben? Ich denke, dass wir erst dann etwas wissen, wenn wir es wirklich erfahren haben, wenn etwas zu einem integrierenden Bestandteil unseres Lebens geworden ist, sich etwas in unser Herz geschrieben hat. Ein Buch, ein Mensch, ein Bild, ein Lied, die Sonne, der Mond, all dies kann mich zu dieser einzigartigen Erfahrung hinführen. Aber dass sie mich in meinem Innersten berührt und mein weiteres Leben bestimmt, das ist dann etwas, was man mit Gnade bezeichnen kann, eine Erfahrung, die unweigerlich eine Verantwortung nach sich zieht. Dieser Verantwortung nachzukommen oder sie abzulehnen ist unsere Freiheit.

Es war eine Gnade, zu erfahren, dass der Messias geboren wurde und in ihm nach den Vorstellungen der Juden und frühen Christen Gott zu seinem Volk kam, einem Volk, das seit Jahrhunderten von fremden Mächten besetzt war. Es ist eine Gnade, wenn Gott in mir und in dir, in uns geboren wird, in dir und in mir seinen physischen Ausdruck finden kann, sozusagen in einem

Land, das von fremden Mächten besetzt ist, von Gefühlen und Gedanken, von Kräften und Erbanlagen, von denen wir spüren, dass sie unserer Freiheit hinderlich sind, dass sie uns unterdrücken, wir sie im Grunde gar nicht wollen.

Es war die Verantwortung dieses Volkes im Lauf der nachfolgenden Jahre mit diesem „Herrn der Herrlichkeit“ gemeinsame Sache zu machen. Es ist unsere Verantwortung, auf unseren ganz persönlichen Gott, auf unser Herz, auf unser Gewissen zu hören und eine runde, eine vollendete, eine harmonische Persönlichkeit zu werden.

In der katholischen Liturgie beendet man die Messe immer mit einer Segensformel: „Es segne euch der allmächtige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.“ Diesen Wortlaut sollte man ändern: Es segne euch der liebende Gott, oder der Gott der Liebe. Denn das Wesen Gottes ist nicht von Wissen und Macht geprägt, nicht von Zauberkünsten und Hellseherei, sondern einzig von jener Liebe, die uns alle miteinander leben lässt.“

Der Text ist ein Ausschnitt aus dem  Buch „Wo bitte geht’s hier zum Paradies?“ und wurde vom Autor,  Heinz Krcek, Theologe, zur Verfügung gestellt.

Heinz Krcek ist unter:  krcek.heinrich@gmail.com   erreichbar.

Bild: © losw – Fotolia.com

[1]    http://de.wikipedia.org/wiki/Vom_Himmel_hoch,_da_komm_ich_her

[2]             Zitiert bei M. Scott Peck, a. a. O., Seite 194

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