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Wozu fasten?

Nach einem Vortrag von Ulrike Schütz am 30. März 2017

(mit einigen Kürzungen und Hinzufügungen)

Wozu Fasten?

Viele Christen gedenken der 40 Tage, die Jesus laut biblischer Überlieferung in der Wüste fastete, indem er 40 Tage lang nichts aß.

Seitdem fasteten viele Christen 40 Tage vor Ostern, auf verschiedene Weise. Vielfach war es Brauch, in dieser Zeit bescheidene Mahlzeiten (Fastenspeisen, z.B. ohne Fleisch) zu essen. Heute fasten sehr viele Christen am Aschermittwoch (40 Tage vor Ostern) und am Karfreitag um der Kreuzigung Christi zu gedenken.

Allgemeines Ziel dieses Fastens ist: Sich auf das Wichtige im Leben zu besinnen.

Dafür verzichten viele auf Konsumgüter, wie Fleisch, Alkohol, Süßigkeiten etc. Es ist auch ein Training des Willens um nicht den Konsum-Verführungen, die laufend auf uns einströmen, (gegen unseren Willen) nachzugeben. Es dient praktisch der Stärkung des Geistes und als Folge einer bewussteren Beziehung zu Gott.

Für viele gehört es auch zur Idealvorstellung eines freien Menschen, selbst zu bestimmen, was, wann und wie viel man konsumiert.

Auch die Vereinigungsbewegung kennt eine Fastenkultur, und zwar einen oder mehrere Tage nicht zu essen und nur Wasser zu trinken. In einem Gebet wird Ausmaß, Dauer und Ziel des Fastens festgelegt – es ist wie ein Vertrag mit Gott, den man auf jeden Fall einhalten möchte.

Der Gründer Rev. Sun Mung Mun, der selbst 40 Tage gefastet hat, wurde einmal gefragt: „Warum fasten wir?“ Als erstes sagte er: „Weil es gesund ist“. Dann ging er darauf ein, dass Fasten geistig und physisch gute Auswirkungen hat.

Vom Medizinischen Gesichtspunkt gesehen gilt es als erwiesen, dass zeitweiliges Fasten der Entschlackung und Entgiftung des Körpers dient. Und das sogenannte Heilfasten ist auch in verschiedenen Bräuchen der Katholischen Kirche (z.B. in Klöstern) zu finden. Besonders bekannt dafür sind Pfarrer Kneipp, Hildegard von Bingen u.a..

Psychologen ermutigen auch, in einer Umwelt des Überflusses zu Zeiten des freiwilligen Verzichts verschiedenster Art und begleiten Fastenkuren – vielfach um Menschen beim Loslassen alter seelischer Lasten zu helfen. Eine Selbstdisziplin-Übung – zunächst einschränkend, die aber letztendlich zu mehr Entscheidungs-Freiheit führen soll.

In vielen Kulturen wird zur Reinigung des Körpers und der Seele gefastet. Einige Beispiele dafür aus der Geschichte:

 Im Hinduismus (ca. 5.000 Jahre alt) ist Fasten nicht vorgeschrieben, man fastet individuell z.B. zur Buße und Selbstreinigung, oder zum Segen für andere, oder an Gedenktagen (Shiva, Krishna).

Der Buddhismus (ca. 2.500 Jahre alt) kennt auch keine einheitliche Fastenzeit, sondern verschiedene Fasten-Bräuche je nach Schule oder System (entspricht der Konfession) und Land, z.B. zur Meditations-Unterstützung. In manchen Klöstern wird nach 12 Uhr nichts mehr gegessen.

Im Judentum (ca. 3000-4000 Jahre alt) fasteten die Propheten (bevor sie dem Volk den Willen Gottes mitteilten), die Priester – Fasten war generell bei den Israeliten verbreitet.

Weltberühmt ist Moses, der laut Schriften 40 Tage fastete (nichts aß).

So umfassende Fastenbedingungen kann man besser verstehen, wenn man die jeweilige Lebenssituation des Fastenden näher betrachtet:

Gemäß Thora (und dem Altem Testament) war Moses mit den Israeliten auf der Flucht aus Ägypten, wo sie als Sklaven gelebt hatten. Diese Flucht, bekannt als Exodus, war von Anfang an lebensgefährlich, denn es war klar, dass die Ägypter ihre Sklaven nicht so einfach ziehen lassen würden. Aufgrund der Offenbarungen ihres alten Schrifttums glaubten die Israeliten daran, dass Gott ihnen ein sogenanntes „Gelobtes Land“ – geben würde, in dem sie entsprechend ihrer Kultur und ihrem Glauben frei leben könnten. Auf der Suche nach diesem Land wanderten sie 40 Jahre durch teilweise recht unwirtliche Gebiete und kämpften vielfach ums Überleben. In dieser Zeit kam es immer wieder unter den Israeliten zu Auseinandersetzungen und sogar Kämpfen. Auch Moses wurde des öfteren kritisiert (manche wollten am liebsten wieder nach Ägypten zurückkehren) und war manchmal sogar in Lebensgefahr.

Moses machte sich große Sorgen: Sollen wir so uneinig und zerstritten ins „Gelobte Land“ einziehen? Immer wieder betete er und schließlich beschloss er, sich auf den Berg Sinai zurückzuziehen, um dort 40 Tage zu beten und zu fasten.

Die Geschichte kurz erzählt: Er kam danach mit den 10 Geboten vom Berg herunter und brachte damit den Israeliten ein tieferes Verständnis darüber, wie man friedlich zusammenleben kann.

Heute sind diese 10 Gebote der jüdischen Kultur weltweit anerkannt: bei vielen Humanisten genauso wie bei den Christen, Muslimen, Buddhisten, Hinduisten usw. Und wenn wir alle uns lediglich an diese 10 Gebote halten würden, gäbe es kaum einen Anlass für gewaltsame Auseinandersetzungen.

Bekannt ist auch der Sohn eines jüdischen Hohepriesters, Johannes der Täufer. Er predigte nicht im Tempel, sondern in der Wüste und lebte ein äußerst asketisches Leben. Seine Botschaft war: bereut eure Sünden und haltet euch an die Gebote – setzt einen Neuanfang. Zur Sündenvergebung taufte er die Menschen, die zu ihm strömten. Er prophezeite, dass der in den alten Schriften versprochene Retter Israels – der Messias – bald kommen würde. Sein Verständnis war (sinngemäß):

Wenn ihr weiter gottlos und undiszipliniert lebt und die Gebote nicht einhaltet, werdet ihr womöglich diesen Messias gar nicht erkennen und ihn auch nicht verstehen.

Das ist ein Gedanke, der nicht nur für damals gilt: Wenn man ein gedankenloses, zielloses Leben führt und durch zu viel überflüssigen Genuss Abhängigkeiten entwickelt, wird man das Wichtige im Leben womöglich übersehen – vor allem die geistigen Aspekte. Die Beziehung zu Gott tritt dann immer mehr in den Hintergrund, wird zum theoretischen Konzept, womöglich zu Folklore. Das hat viele Nachteile. Die Jugend, die ihre Lebensziele und -inhalte erst entwickeln muss, rebelliert, wenn sie Vorschriften vorgesetzt bekommt, aber die Inhalte nicht erleben und nicht verstehen kann! Ausgehöhlte religiöse Traditionen schwächen jede menschliche Gemeinschaft und jede lebendige Religion.

 Weit verbreitet ist das einmonatige Fasten im Islam (ca.1.300 Jahre alt) – der Ramadan. Allerdings gibt es auch da bei den Gläubigen Unterschiede in der Ausführung. Viele fasten 30 Tage lang, an denen sie von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nichts essen, nichts trinken, nichts rauchen, keine sexuelle Beziehung haben. Auch geistig wird eine Reinigung angestrebt – im Gedenken an Mohammed, der laut Islam die Koran-Offenbarung nach einer einmonatigen Fastenzeit erhalten hat.

Nach dem Sonnenaufgang wird oft gemeinsam das Fasten bei einem reichen Festmahl beendet.

Man fastet um den Willen Allahs zu erfüllen, um Vorbild zu sein, und mit der Hoffnung nach dem Tod ins Paradies einzugehen. Ob es gesund ist, so viele Stunden nichts zu trinken, darüber gibt es (auch unter Muslimen) verschiedene Meinungen.

Das Ausmaß und der Inhalt des Fastens hat sich im Christentum über die Jahrhunderte immer wieder verändert.

Heute leben schon viele Menschen während des gesamten Jahres aus Überzeugung oder gesundheitlichen Gründen nicht unmäßig (Vegetarier oder Veganer essen z.B. prinzipiell kein Fleisch). Es geht heute vielen Christen um prinzipiellen Verzicht – physisch (z.B. keine Fleisch o.ä.) und geistig (z.B.: kein Fernsehen, o.ä.)

Warum fastete Jesus? Auch da möchte ich kurz auf die im Neuen Testament überlieferten näheren Umstände eingehen:

In allen vier Evangelien wird berichtet, dass Jesus sich von Johannes dem Täufer öffentlich taufen ließ. Laut Matth. 3/13-17 z.B. wurde Johannes dem Täufer (und möglicherweise auch anderen, die dabei waren) bei diesem Ereignis klar, dass Jesus „der geliebte Sohn Gottes ist, an dem Er Sein Wohlgefallen hat…“

Danach fastete Jesus 40 Tage in der Wüste als Vorbereitung für sein öffentliches Wirken. Laut Matth. 4/1-10 wurde Jesus gegen Ende des Fastens dreimal von Satan versucht. Viele Theologen halten es für möglich, dass diese Verführungen von Menschen ausgesprochen wurden, die Jesus davon abhalten wollten, seine Mission (mit dieser Grundlage des Fastens) zu beginnen. Daher wollten sie

  1. Jesus zum Fasten-Unterbrechen verführen, was einem Wortbruch Gott gegenüber entsprochen hätte
  2. Jesus dazu verführen sich von einer Zinne des Tempels zu stürzen, da die Engel Gottes ihn ohnehin auffangen würden. Jesus wandte ein, man solle Gott nicht versuchen (man könnte auch sagen: Ihn nicht „vorführen“)
  1. Jesus zur Unterwerfung bewegen und ihm im Gegenzug Macht, Einfluss, Position und Reichtum anbieten.

Gerade der dritte Punkt macht deutlich, dass Jesus dazu verführt werden sollte, sich vor den etablierten Machthabern (und ihrer religiösen Tradition) zu verneigen, statt über eine neue tiefere Beziehung zu Gott zu predigen.

Nachdem Jesus dies zurückgewiesen hatte, „… verließ ihn der Teufel…“ (Matth. 4/11).

Jesus hat durch sein Fasten und das Zurückweisen der Versuchungen seinen Vertrag (40 Tage zu fasten) mit Gott eingehalten und sich eindeutig auf Gottes Seite gestellt.

In seinen Predigten und Gebeten sprach er Gott als seinen Vater und den Vater aller Menschen an. Das war eine Grundlage für ein neues Zeitalter (das Neue Testament-Zeitalter) mit dem Ziel einer Menschheitsfamilie – vereint in der Liebe Gottes.

Trotz dieser Aussagen Jesu und trotz seinem Vorbild müssen auch seine Nachfolger bekennen, dass sie oft hin und her schwanken zwischen verschiedensten Einflüssen. Sehr oft kann sich Gott auf den Menschen nicht wirklich verlassen. Wer hat mehr Einfluss auf den Menschen: Gott oder Satan? Die Ehrlichkeit oder die Lüge? Die Treue oder der Wortbruch? Die Liebe oder der Hass?

Der Mensch kann entscheiden ob er dem Guten oder dem Bösen Gewicht verleiht.

Er bestimmt auf diese Weise mit, was auf der Welt geschieht. Er hat diese besondere Freiheit! Und natürlich auch die Verantwortung für die Folgen seiner Entscheidung.

Im seinem Innersten sehnt sich der Mensch nach Liebe, nach dem Guten, nach göttlichem Frieden, aber oft sind auch schlechte Angewohnheiten, kulturelle (oder andere) Einflüsse, Gruppendruck etc. so stark, dass der einzelne ohne Hilfe den Willen Gottes gar nicht mehr erkennt.

In der Geschichte gab es aber immer wieder Menschen, die von Gott inspiriert Hilfe anboten: Propheten, Moses, Johannes der Täufer, Jesus, Luther, Augustinus u.v.a., die aus ihrer Beziehung zu Gott heraus Klarheit und Weiterentwicklung ausgelöst haben.

Nachdenken, Beten, Fasten, Bedingungen, Verzicht waren immer hilfreich, um das Wichtige im Leben zu erkennen!

In den Anfängen der Vereinigungsbewegung haben die Mitglieder auch des öfteren gefastet. Heute legt die Vereinigungsbewegung mehr Gewicht auf Bedingungen in Form von Aktivitäten. So brauchen die – um nur ein Beispiel zu nennen – Vorbereitungen unserer lokalen und weltweiten interkulturellen Aktivitäten oft intensive Vorbereitungen, die durchaus Bedingungen des Verzichts notwendig machen. Da stellt sich auch öfter die Frage: mache ich weiter – auch wenn es schwierig ist? Wie sehr liegen mir diese Aktivitäten für ein interkulturelles, interreligiöses Miteinander am Herzen?

Für weitere Information:  info@famfed.org

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