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Religion als Motiv zur Versöhnung

Dieser Vortrag wurde von Frau Ulrike Schütz im Rahmen der Familienföderation Wien am 22. Januar 2015 gehalten.

„Religion scheint in diesen Tagen für manchen nur Anstifter und Vorwand für Krieg und Terror zu sein. Viele Menschen haben aber gerade durch ihren Glauben Gegensätze überwunden und schwierige Zeiten bewältigt. Friedensbotschaften gibt es in allen Religionen. Der erste Schritt in Richtung Versöhnung ist die Überzeugung, dass es möglich und das einzig Sinnvolle ist. Hier verschiedene Beispiele von Menschen aus verschiedenen Jahrhunderten und Erdteilen, die – inspiriert durch ihren Glauben – schwierigste Lebenssituationen überstanden haben:

1. Beispiel: Kurzer Einblick in das Leben meiner Großeltern, die Ende des 20.Jhdts. geboren wurden: Diese Großeltern-Generation erlebte • die Zerstörungen des 1. Weltkriegs (1914-1918), • die Zwischenkriegszeit (geprägt von Armut und Arbeitslosigkeit) • die Zerstörungen des 2. Weltkriegs (1939-1945) und • die Armut der ersten Nachkriegsjahre im zerbombten Wien Als meine Mutter als Kind (in der Zeit vor dem 1. Weltkrieg) einmal zu Weihnachten wasserdichte Schuhe geschenkt bekam (es gab zu dieser Zeit ziemlich kalte Winter) war sie so glücklich, dass sie die neuen Schuhe mit ins Bett nahm! Auch viele Jahre danach war es kaum möglich kleinere oder größere Anschaffungen zu machen. Ohne Glaube wären die Menschen hoffnungslos gewesen. Besonders meine Großmütter hatten ein lebendiges Glaubensleben. Sie sprachen auch darüber. Theologische Fragen (von einer Mittelschülerin wie mir gestellt) konnten sie nicht beantworten – aber sie erlebten etwas in ihrer Beziehung zu Gott. Immer wieder gelang es ihnen Probleme, die die grundsätzlichsten Lebensbedürfnisse betrafen, zu lösen. Ich bin Ende 1943 geboren und erinnere mich an sie als Menschen mit einer vollkommen positiven Lebenseinstellung. Sie waren niemandem böse, sie konnten verzeihen. Sie hatten generell eine versöhnliche Haltung. Ihre Gesichtszüge waren nicht verhärmt, sondern positiv und liebevoll. Damals nahm ich das für selbstverständlich aber heute erscheint es mir wie ein Wunder.

2. Beispiel Im Alten Testament gibt es die Geschichte von Kain und Abel, in der es zu keiner Versöhnung kam. Kain tötete Abel, weil er sich benachteiligt fühlte. Dieses Brüderpaar wurde zum Symbol des Brudermordes. Die Geschichte von Jakob und Esau hingegen ist eine Geschichte der Versöhnung zwischen verfeindeten Brüdern. Esau hatte Jakob seinen Erstgeburtssegen für eine Mahlzeit verkauft. Esau schien also diesen Segen für nichts Besonderes zu halten. Später aber bereute er es und trachtete Jakob nach dem Leben. Jakob floh ins Ausland, wo er 21 Jahre lang für seinen Onkel sehr hart arbeiten musste und auch selbst zu Wohlstand kam. Während dieser Zeit führte er ein gutes Leben und betete zu Gott. Gott sagte ihm nach 21 Jahren, dass er in seine Heimat zurückkehren sollte. Als er sich seiner Heimatsiedlung näherte (mit seinen Viehherden, Knechten, Mägden, Frauen, Kindern), kam ihm Esau bewaffnet mit seinen Kämpfern entgegen. Jakob verbeugte sich siebenmal tief vor Esau. Darauf eilte Esau ihm entgegen und umarmte ihn. (Gen.33,9). Jakob sagte zu Esau: „Ich habe dein Angesicht gesehen wie man das Angesicht Gottes sieht!“ Aufgrund seines gesamten Glaubenslebens ist Jakob in der jüdischen Religion ein wichtiger Glaubensvater. Jakob ist generell ein Vorbild für die Vereinigung rivalisierender Brüder, Parteien, Gruppierungen, Staaten usw. Es ist sicher schwierig die umfangreiche Geschichte Jakobs in unsere heutige Realität einzuordnen, aber sie weist auf jeden Fall darauf hin, dass eine Haltung der Wertschätzung für den anderen eine grundsätzliche Voraussetzung für Versöhnung ist.

3. Beispiel Südafrika: Die Geschichte einer schwarzen Frau zur Zeit der Apartheid: Sie arbeitete wie viele schwarze Frauen damals als Haushaltsangestellte im Haus einer weißen Familie. Es war ein wunderschönes helles Haus mit großen Fenstern mit dem Blick auf das Meer. Das weiße Ehepaar war wohlhabend, beide berufstätig und sie nahmen auch am regen Gesellschaftsleben teil, sie waren also selten zu Hause. Sie hatten einen Sohn. Für den Haushalt und die Betreuung des Kindes war die „schwarze Mummy“ zuständig. Sie liebte den Buben sehr. Und er liebte sie. Es gab einen Hinterausgang: wenn man die Tür öffnete, war es dunkel, weil unmittelbar daneben ein kleiner Schuppen angebaut war. In diesem war ein kleiner dunkler Raum, in dem die „schwarze Mummy“ schlief. Sie war praktisch jederzeit für die weiße Familie zur Verfügung. Sie hatte selbst auch eine Familie. Um sie besuchen zu können musste sie einen ¾ Tag mit dem Bus hin und einen ¾ Tag wieder zurückfahren. Da sie jeweils nur ein Wochenende frei hatte, konnte sie bei einem Besuch praktisch nur ½ Tag bei ihrer Familie sein – und das nur 2-3 mal im Jahr! Man hielt diese Situation für selbstverständlich Aber die „schwarze Mummy“ war mit ihrer eigenen Familie immer im Gebet verbunden. Sie beklagte sich nie. Der Sohn des weißen Ehepaares wurde größer und erkannte, dass sein sozialer Stand ein anderer als der der „schwarze Mummy“ war. Er mochte sie zwar nach wie vor. Aber er wurde zum Junior des Hauses, der ihr auch Befehle gab.

In den 80-er Jahren begann die Apartheid und die Herrschaft der weißen Minderheit aufzubrechen. 1994 wurde ein Schwarzer – Dr. Nelson Mandela – Präsident. Vieles veränderte sich. Die weiße Familie und die „schwarze Mummy“ hatten einander aus den Augen verloren. Man erkannte, dass all die Verbrechen, die in Südafrika vor und während des Umsturzes geschehen waren, Hass und unzählige Resentments zur Folge hatten. Darum versuchte man durch verschiedenste Versöhnungs-Aktionen die Vergangenheit aufzuarbeiten. Der junge weiße Mann musste immer wieder an die „schwarze Mummy“ denken. Und daran, was seine Familie ihr alles zugemutet hatte. Er suchte und fand sie. Sie hatte in den vergangenen 15 Jahren hart gearbeitet und zusammen mir ihrer Familie ein kleines Stück Land gekauft und ein kleines Häuschen gebaut. Alles war ganz einfach – aber sie hatte ein eigenes Haus! Als der junge Mann kam, konnte sie es zunächst gar nicht glauben. Sie lief ihm lachend und weinend entgegen und umarmte ihn. Dann zeigte sie ihm stolz ihr einfaches kleines Haus. Sie hatte keinerlei Vorwurf oder Resentments im Herzen – nur Freude ihn wiederzusehen. Dies wurde in einer Doku (im Rahmen der Versöhnungs-Aktivitäten in Südafrika) festgehalten. Die Haltung dieser Frau erschien mir wie ein Wunder.

4. Beispiel Ende des 2. Weltkrieges – Marschallplan Nach dem 2. Weltkrieg wollte die USA dem zerbombten und wirtschaftlich darnieder liegenden Deutschland helfen: und zwar durch den Marschallplan. Und das, obwohl Deutschland diesen Weltkrieg initiiert hatte, der weltweit 65 Mio. Kriegstote gekostet hatte. Jede der Allierten Nationen beklagten viele Tote. USA, Frankreich und Großbritannien jeweils 300-400.000 Kriegstote, die Sowjetunion sogar 27 Mio.! Die USA bot allen armen Staaten Europas, die wollten, Hilfsleistungen im Rahmen des Marschallplans an: Insgesamt erhielt Europa über 13 Milliarden Dollar (heutiger Wert: ca. 10 mal so viel). Die Länder mussten sich verpflichten die Unterstützung zurückzuzahlen, aber nach einigen Jahren durften sie die Zahlungen einstellen., An Österreich gingen 962 Mio. Dollar als Schenkung! Amerikanische Generäle waren zu Tränen gerührt, als sie das zerstörte Land und den Zustand der KZ-Häftlinge sahen. Die USA wollten den Menschen helfen und außerdem: • den Einfluss der Sowjetunion in Europa zurückdrängen (die Sowjetunion hätte ursprünglich z.B. gerne die österreichische Regierung selbst gebildet), • Europa unterstützen, damit es später Handelspartner für die USA werden könnte. Manche Historiker mögen daher behaupten, dass die Amerikaner den Marschallplan nur aus Egoismus gegeben hätten, aber: • wir wollten auch nicht unter der Herrschaft der Sowjetunion leben • wir wollten auch wieder zu einem Handelspartner für andere Länder werden • wir waren dankbar für jede Hilfe (der Marschhallplan bestand aus Nahrung, Geld und Rohstoffen – was wir alles bitter benötigten) • die späteren „Wirtschaftswunder“ Deutschlands und Österreichs wären ohne diese Hilfe nicht möglich gewesen. Den Verursachern eines Krieges, der so viele Tote (auch bei den Alliierten) verursacht hatte, zu helfen und ihnen das Vertrauen zu schenken, dass sie diese Unterstützung sinnvoll verwenden würden, war einmalig in der Geschichte und Ausdruck christlicher Nächstenliebe.

5. Beispiel: Michail Gorbatschow 1985-91 Gen.Sekr. der Komm.Partei der Sowjetunion, 1990-91 Staatspräsident der Sowjetunion – also eines Landes, das diktatorisch für eine materialistische und anti-religiöse Ideologie stand. Gorbatschows Name ist verbunden mit den beiden Begriffen Glasnost (Durchblick) und Perestroika (Umbau – Reform), die letztendlich zum Ende des Kalten Krieges und zur Wiedervereinigung Deutschlands führten. Heutige Historiker wissen, dass Gorbatschow riesigen Mut zeigte, indem er diese Ziele setzte. Denn die meisten der vielfach sehr alten Politiker rund um ihn verstanden diese Ziele überhaupt nicht und waren dagegen. Gorbatschow war als Politiker einige Male im Westen gewesen und war von der vollkommen anderen Atmosphäre und den vollkommen anderen Möglichkeiten (auch wirtschaftlicher Natur) im Westen sehr beeindruckt. Überraschend revolutionär in der damaligen Sowjetunion war, dass Gorbatschow u.a.: • Fehler der Komm. Partei eingestand • Dissidenten rehabilitierte • eine größere Meinungsfreiheit gewährte • Warschau-Pakt-Ländern mehr Selbstbestimmung zugestand • dem Westen Abrüstungsvorschläge machte • und sagte; „Ich bin Atheist, aber ich respektiere den Glauben anderer Menschen“ – in einem kommunistischen Land damals sehr ungewöhnlich. Gorbatschow hat später immer wieder beklagt, dass selbst der Westen seinen Motiven nicht getraut hatte und ihn nicht in größerem Ausmaß unterstützt hatte. Als der Widerstand gegen ihn unter den sowjetischen Politikern immer größer wurde, trat Gorbatschow – für den Westen ziemlich überraschend – zurück, um einen blutigen Bürgerkrieg zu verhindern. Auch das war sehr mutig, denn er wusste nicht, was mit ihm passieren würde. Rev. Mun traf Michael Gorbatschow (siehe Rev. Mun’s Biographie) zweimal: 1991 in Moskau (bei einer Media-Konferenz) – als Gorbatschow noch Präsident war. Rev. Mun sprach mit ihm über Gott, was Gorbatschow natürlich überraschte. Außerdem bat Rev. Mun ihn, nicht nur Meinungsfreiheit, sondern auch Religionsfreiheit zuzulassen. Aber noch im selben Jahr musste Gorbatschow zurücktreten. 1995 (als Gorbatschow bereits Privatmann war) lud das Ehepaar Mun Gorbatschow und seine Frau nach Korea zu sich nach Hause ein. Bei diesem Anlass trug Frau Gorbatschow eine Goldkette mit einem Kreuz als Anhänger 2008 besuchte Gorbatschow mit seiner Tochter Irina den Ort Assisi und betete ½ Stunde kniend am Grab des Hl. Franz von Assisi. Ab wann Gorbatschow selbst wirklich an Gott zu glauben begann, ist nicht bekannt. Aber seine zahlreichen – geradezu lebensgefährlichen – Versuche der Sowjetunion eine ähnliche Entwicklung zu ermöglichen, wie er sie im christlichen Westen beobachtet hatte, weisen darauf hin, dass er großen Glauben an etwas hatte, was fast alle anderen für unerreichbar hielten. Wenn ein Mensch Gott innerlich erlebt, gibt er dies oft nicht gerne preis, sondern behält es für sich – wie wenn er es beschützen wollte.

Ich war im Alter von 15 Jahren Atheistin geworden. Als ich ein paar Jahre später nach intensivem Suchen wieder zu Gott zurückfand (was mein Leben vollkommen veränderte), habe ich diese Geschichte der Versöhnung – zwischen mir und Gott – keinem Menschen erzählt, (obwohl dies in einem christlichen Land völlig ungefährlich gewesen wäre). Erst in den letzten Jahren erzähle ich manchmal darüber. Auch in den Medien erfährt man ganz selten von Versöhnungs-Geschichten. Sondern hauptsächlich von Auseinandersetzungen und Kämpfen. Dabei wären Versöhnungs-Geschichten inspirierend und höchstwahrscheinlich ziemlich „ansteckend“. Daher möchte ich anregen: Erzählt die Versöhnungs-Geschichten – wo immer ihr sie erlebt oder davon hört!“

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