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Interreligiöse Tagung an der Uni-Innsbruck zum Thema: „Fundamentalismus: Bedeutung, Rolle und Umgang“

Im Rahmen des Projektes: „Religion und Staat im Brennpunkt“ lud die Katholisch-

Theologische Fakultät der Universität Innsbruck (Univ.-Prof. Dr. Wilhelm Rees und Ass.-Prof. Dr. Johann Bair) Referenten von 15 Religions- und Bekenntnisgemeinschaften ein. Die Tagung fand im prunkvollen Dekanatssitzungssaal am Karl-Rahner-Platz statt und dauerte eineinhalb Tage (22.5. – 23.5.2017). Die Israelitische Glaubensgesellschaft und die Orthodoxen Kirchen waren die ältesten unter den anwesenden Religionen; die Vereinigungskirche war mit Abstand die jüngste Glaubensgemeinschaft.

Nicht im Programm und doch dabei

Es war bereits die dritte Tagung dieser Art. Die erste fand mit den anerkannten Kirchen und

Religionsgesellschaften (RG) statt. Zur zweiten Tagung waren die eingetragenen Bekenntnisgemeinschaften (BG) geladen und bei dieser dritten Tagung waren sowohl die anerkannten Religionen als auch die eingetragenen Bekenntnisgemeinschaften mit dabei.

Wegen eines Missverständnisses bzgl. des Anmeldetermins waren wir im Tagungsprogramm nicht für einen Beitrag vorgesehen, was uns sehr leid tat. In der Überzeugung, dass sich ein Weg auftun würde und wir einen Beitrag aus Sicht der Vereinigungskirche (VK) leisten können, bereiteten wir eine Präsentation vor. Wir wollten zumindest unsere schriftliche Stellungnahme zum Thema abgeben. Bei der Ankunft erfuhren wir dann, dass der Vertreter der Syrisch-orthodoxen Kirche wegen Krankheit absagen musste und wir daher einspringen können. Wir waren nicht wirklich überrascht – haben sich doch unsere Gebete erfüllt und nahmen dankbar an. Unsere Delegation bestand aus Peter Zöhrer – Präsident der VK in Österreich, Johannes Stampf – Referent und Walter Waldhäusl – Gemeindeleiter der VK in Tirol.

 

Fundamentalismus – unterschiedlich definiert

Das Symposium begann mit einem intellektuell anspruchsvollen Eröffnungsvortrag von Prof.

Dr. Karl-Christoph Kuhn (Katholisch-Theologische Fakultät, Universität Tübingen) gefolgt

von den Beiträgen der Kirchen und Religionsgemeinschaften. Den Referenten standen jeweils

35 Minuten für die Präsentation mit anschließender Diskussion zur Verfügung.

Die vorgegebene Thematik „Fundamentalismus“ war für alle Vortragenden aus verschiedensten Gründen eine Herausforderung. Warum? Die Vertreter sollten sich mit Fundamentalismen in der eigenen Kirche befassen, aber auch damit was sie für ein friedliches Miteinander in der Gesellschaft leisten (können).

„Fundamentalismus“ – ein Begriff der seit 1870 gebraucht wird – wurde in den Präsentationen sehr unterschiedlich interpretiert – von konservativ bis hin zu gewaltbereiter religiöser Einstellung. Am häufigsten wurde Fundamentalismus herangezogen um das Fundament – die Grundlagen der jeweiligen Religion darzulegen. Fundamentalismus sei an sich nicht negativ, solange auch andere Sichtweisen toleriert und respektiert werden.

Mag. Johannes Sinabell (Röm.-kathol. Kirche) sagte, dass es in der rk. Kirche keinen Fundamentalismus gibt und sprach von der versöhnten Verschiedenheit.

Özgür Erdogan von der Alevitischen Glaubensgemeinschaft in Ö bemerkte, dass die Diskussion über Islamisierung in diesem Zusammenhang nicht differenziert genug geführt und Fundamentalismus mit Extremismus gleichgestellt würde.

Mag. Dr. Walter Hetzenauer von Jehovas Zeugen (JZ) stufte die JZ als konservativ ein und nicht als fundamentalistisch, weil sie nicht gegen säkulare Strömungen kämpfen. Sich neutral zu verhalten drückt sich darin aus, dass kein Engagement im Sozialbereich sowie in der Partei- und Lokalpolitik gewünscht ist.

Mag. Thomas Lipschütz von der Israelitischen Religionsgesellschaft wiederum stellte klar, dass jeder Jude Fundamentalist sein muss, dieser aber nur die Juden betreffe. Der Talmud (die Ausführungsbestimmungen) würden aber je nach Rabbinat oft unterschiedlich ausgelegt.

Dr. Armin Wunderli als Repräsentant der Freikirchen bezog sich beim Thema Fundamentalismus auf die 5 fundamentalen Wahrheiten und definierte Fundamentalismus als recht-haben-wollen.

Mag. Heinz Hampel-Waffenthal von den Bahá´i Österreich betonte, dass die Unterschiede wahrgenommen, aber das Vereinigende in den Vordergrund gestellt werden solle. Dadurch komme man vom Exklusionismus zum Inklusivismus, dies aber ohne Vereinnahmung sondern mit gegenseitigem Verstehen.

Generalvikar Pfr. Mag. Martin Eisenbraun von der Altkatholischen Kirche erklärte die Motivation der Abspaltung mit dem Wunsch der Modernisierung durch die Rückbesinnung auf die im Mittelalter demokratische Wahl der Bischöfe durch provinziale Synoden.  Die Gemeinden seien nicht uniform, sondern es gäbe eine gewisse Autonomie in jeder Gemeinde. Bewusste Integration in die Gesellschaft, um eine Beitrag zur Verbesserung zu leisten, sei wichtig.

Dekan Univ.-Prof. Dr. Rothnael von der evangel. Kirche A.u.H.B. führte aus, dass der Fundamentalismus in den evang. Kirchen von der evangelikalen Bewegung in den USA stamme und brachte dies in Zusammenhang mit dem „Affenprozess“ 1925 in den USA.

Imam Samir Redzepovic als Repräsentant der Islamischen Glaubensgemeinschaft erklärte, dass es im Islam keinen Fundamentalismus gäbe, wohl aber fundamentalistische Strömungen. Religion sei das, was man sich rausnehmen wolle. Seit 2003 gibt es die Konferenz der Imame mit Beschlüssen, die auf der Homepage veröffentlicht werden. Bei ATIP werden alle Imame von der türkischen Regierung bezahlt. Auf die Frage, warum es in so vielen muslimischen Ländern keine Religionsfreiheit gäbe, führte Redzepovic als Grund das niedrige Bildungsniveau in diesen Ländern an.

Hüseyin Akmaz, Oberpriester der Alt-Alevitischen Glaubensgemeinschaft stellte klar, dass sie keine islamische Konfession sind sondern den Ur-Islam darstellen. Er schilderte den schwierigen Beginn ihrer Glaubensgemeinschaft und dass sie hauptsächlich kurdische Aleviten sind und die PKK befürworten. Ihr Glaube sei humanistisch ausgerichtet und der Weg zu Gott sei mit Selbsterkenntnis verbunden. Wer sich selbst nicht kennt kann Gott nicht erkennen.

Mag. Hugo Klingler von der Österr. Buddhistischen Religionsgesellschaft erläuterte die Sichtweise bezüglich Fundamentalismus wie folgt: Der Mensch hat Ängste und neigt zu Fundamentalismus, um sich gegen die Primärangst abzusichern. Es ist ein egoistisches Festhalten, um sich zu schützen. Er forderte dazu auf, die eigene Religion ganz genau anzuschauen und er tat dies auch indem er sehr offen über kriegstreiberische Mönche in Japan zu Beginn des 20. Jhdt. sprach. Er endete mit der Aussage: „Buddhisten sind kompatibel mit Christen.“

Bischof Gerhard Egger von der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage sprach über ihre fundamentalen Lehren und dass sie Gott keinen „Maulkorb“ umhängen wollen, sondern an jetzige und künftige Offenbarungen glauben. Das Buch „Lehre und Bündnisse“ ist ein Buch für weitere Offenbarungen. Er erwähnte auch, dass 2 Jahre Missionsdienst Pflicht seien, um das Priesteramt zu bekommen.

Vereinigungskirche in Österreich – Präsentation von Johannes Stampf

In seiner Präsentation sprach er über folgende Punkte:

  • Fundamentalismus und die verschiedenen Interpretationen sowie die oft leichtfertige Verwendung dieses Begriffes. Anschließend zeigte Johannes Stampf fundamentale Eckpunkte des Glaubens und der praktischen Umsetzung auf:
  • Gottesbild in der VK: Gott ist Eltern für uns Menschen und manifestiert sich am direktesten in der Familie – ausgehend von den 3 Segnungen beschrieben in Gen. 1:27.
  • Der Weg zur Vereinigung: „Leben zum Wohle anderer“
  • Religion ist nicht Ziel sondern Weg. Sie stellt eine Brücke dar, die die Trennung zwischen Gott und den Menschen, die durch den Sündenfall entstanden ist, zu überwinden.
  • Beitrag zu einem friedlichen Miteinander: das von Re. Sun Myung Moon initiierte Projekt „World Scriptures“. Dieses Buch ist eine Zusammenstellung von mehr als 4000 Schriftpassagen aus 268 heiligen Texten. In fünfjähriger intensiver Zusammenarbeit hat ein internationales Team bestehend aus 40 anerkannten Geistlichen und Lehrern aus allen großen Religionen und religiösen Traditionen dieses Werk geschaffen (http://www.unification.net/ws/). Ziel dieses Werkes ist es, die hohen gemeinsamen Werte der Religionen und deren friedenstiftendes Potenzial übersichtlich aufzuzeigen und damit das Gemeinsame über das Trennende zu stellen.
  • Interreligiöser Friedensrat in der UNO – als Ergänzung zum bestehenden Sicherheitsrat und Menschenrechtsrat von Reverend Moon am 18. August 2000 in der UNO in New York vorgeschlagen, sollte dieser zur Problemlösung und Friedensbildung insbesondere bei religiös motivierten Konflikten beitragen.
  • Die Weltfriedenssegnung: die Familie ist die Kernzelle der Menschheitsfamilie und Schule der Liebe. Sie ist Voraussetzung für eine intakte Gesellschaft. Die Weltfriedenssegnung wird in Massenhochzeiten abgehalten, um auf die Bedeutung der Familie öffentlich aufmerksam zu machen und ist ein Angebot an alle Menschen, unabhängig von Religionszugehörigkeit oder Nationalität.
  • Die Vereinigungskirche die religiöse Kerngemeinschaft zahlreicher Weltfriedensorganisationen wie z.B.:
    Die Frauenföderation für Weltfrieden: herzundhand.at
    Föderation für Weltfrieden – UPF Austria: www.weltfriede.at
    Familienföderation für Weltfrieden: www.famfed.org

Am Ende des Symposiums gaben wir eine Kopie der World Scripture an die Veranstalter, die Ihre Wertschätzung zum Ausdruck brachten. Sie baten um die Erlaubnis, es in die Bibliothek ihrer Fakultät zu stellen, um sie den Studenten und dem Lehrpersonal zur Verfügung zu stellen.

Abschluss

Abschließend bemerkten die beiden gastgebenden Professoren, dass sie erfreut sind über den offenen Austausch und bedankten sich für die gelungene Tagung. Ein Tagungsband mit allen Beiträgen der einzelnen Religionsgemeinschaften wird publiziert werden und an der Fakultät und in der Bibliothek als Nachschlagewerk aufliegen. Es gehe um Objektivität und um die eigentliche Sache.

Ausblick

Diese Art der Zusammentreffen ist richtungsweisend und kann als Modell dafür dienen, wie in der Zukunft Dialog zwischen den verschiedensten Glaubensrichtungen gehandhabt werden kann. Ein nächster Schritt könnte sein, vermehrt in Richtung gemeinsamer Themen und Statements zu aktuellen, gesellschaftlichen Entwicklungen zu gehen um das spirituelle Fundament in unserer Gesellschaft zu stärken und Werteorientierung zu unterstützen.

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